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Dietmar J. Bronder




Kinderrecht auf Schulabschluß


Bedingungen und Ursachen von Schul"versagen"






Das bundesdeutsche Schulwesen nimmt für sich in Anspruch, einen hohen Qualitätsstand erreicht zu haben. Die Diskussionen der letzten sechs Jahre betreffen daher überwiegend Fragen des Hochschulzugangs und der Studienorganisation. Im wirtschaftlichen Wettbewerb der Nationen erscheint nur jenes Viertel eines Jahrgangs von Bedeutung, welches akademischen Graden zustrebt. Ganz selbstverständlich wird unterstellt, daß das allgemeine Recht auf Bildung längst umgesetzt ist und alle Heranwachsenden gleichmäßig erfaßt. Davon geht auch die Bundesregierung aus, die in ihrem Erstbericht zur Un-Kinderrechtskonvention die formalen Bedingungen umfassend darstellte. Bei einer differenzierten Betrachtung des Bildungssektors fallen jedoch die Diskrepanzen ins Auge, die zwischen formaler Gesetzeslage und Lebenswirklichkeit bestehen.



1. Ungleiche Bildungschancen in Deutschland


Jährlich verlassen annähernd 100.000 Jungen und Mädchen die Schulen in Deutschland ohne Abschluß, davon allein 13.000 in Nordrhein-Westfalen, was einer Quote von 5,9 Prozent aller Schulabgänger entspricht. Die meisten dieser abschlußlosen Jugendlichen besuchten zuletzt die siebte oder achte Klasse einer Sekundarstufen-I-Schule mit nur geringem Erfolg. In den Schulen werden sie als "Frühabgänger" bezeichnet, weil sie vor Erreichen des Mindestabschlusses entlassen werden. Ihre spätere Zukunft ist ungewiß. Manche können in Maßnahmen des Arbeitsamtes oder Kursen der Volkshochschulen oder beschützender Institutionen den Hauptschulabschluß nachholen. Wenige sind in den Berufsschulen erfolgreich. Gut ein Drittel verschwindet jedoch aus allen Statistiken.












Drop out des Schulsystems: Anteil der Abgänger ohne Abschluß an der Abgängern der allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen nach Bundesländern 1994



Abgänger ohne Abschluß

Bundesländer

Abgänger absolut

prozentual

absolut

Baden-Württemberg

135.951

8,4

11.420

Bayern

145.937

7,9

11.529

Berlin

35.637

12,6

4.490

Brandenburg

39.216

8,9

3.490

Bremen

7.476

9,2

688

Hamburg

19.660

9,2

1.809

Hessen

72.427

9,0

6.518

Mecklenburg-Vorp.

29.214

11,2

3.272

Niedersachsen

95.720

10,1

9.668

Nordrhein-Westfalen

216.208

5,9

12.756

Rheinland-Pfalz

47.297

8,9

4.209

Saarland

12.607

10,7

1.349

Sachsen

58.452

8,7

5.085

Sachsen-Anhalt

34.978

10,4

3.638

Schleswig-Holstein

32.603

9,1

2.967

Thüringen

34.721

12,2

4.236

Deutschland

1.018.104

8,6

87.124


Jugendliche ohne abgeschlossene Schulbildung gelten auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt als "schwer vermittelbar" oder "ausbildungsunfähig". Ihre Möglichkeiten, ein von den sozialen Stützsystemen des Staates unabhängiges Leben zu führen, sind stark eingeschränkt. Jugendliche mit dem Traum vom eigenen Häuschen und dem Mitttelklassewagen davor finden in der Realität allein die Perspektive der dauernden Sozialhilfe mit Unterbrechungen vorübergehender Hilfsarbeit.



2. Kinderrecht ist Staatspflicht


Das bisherige Denken von Schulaufsichten und Bildungskommissionen über die Ursachen des schulischen Drop out endet zumeist bereits im Klassenzimmer, seltener schon wird in der "Lernatmosphäre" des Schulhauses die Ursache versagter Schulbildung ausgemacht. Der Blick wird verengt, häufig werden die Augen davor verschlossen, wie sehr die allgemeinen Lebensbedingungen der Kinder ihren "Erfolg" bestimmen. Die Betrachtung des Kindes ausschließlich als "lernendes Objekt" verhindert die Auseinandersetzung mit den Bedingungen der kindlichen Entwicklung. Die UN-Kinderrechtskonvention, die die Bundesregierung 1992 ratifizierte, bricht mit diesem überkommenen Denkansatz, dessen Wirkungslosigkeit das seit Bestehen der Bundesrepublik nach Millionen zählende Heer der abschluß- und chancenlosen Menschen in Deutschland massenhaft belegt. Die KRK sieht im Kind ein Subjekt, welches mit umfassenden Menschenrechten ausgestattet ist.. "Provision und Participation" ergänzen das in Deutschland vorherrschende Rechtsverständnis staatlicher "Protection", welches dem Staat lediglich Überwachungs- und Eingreifaufgaben bei Rechtsverletzungen zugestehen will. "Förderung" dagegen verlangt von den staatliche Stellen eine aktive Gestaltung der Bedingungen, wie sie beispielsweise in Artikel 28 Absatz 1 e KRK beschrieben sind. Dort heißt es:

"Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes auf Bildung an; um die Verwirklichung dieses Rechtes auf der Grundlage der Chancengleichheit fortschreitend zu erreichen, werden sie insbesondere

· Maßnahmen treffen, die den regelmäßigen Schulbesuch fördern und den Anteil derjenigen, welche die Schule vorzeitig verlassen, verringern."


Die bisherigen Maßnahmen der Qualifizierung des Lehrpersonals und der Verbesserung der Unterrichtsverfahren in der Schule haben wenig am zuvor beschriebenen Aufkommen der Abgänger ohne Schulabschluß ändern können. Weder die kindgerechte Gestaltung des Primarstufenunterrichts, weder aufwendig gestaltete Schulbücher, weder individualisierte Lehr- und Lernmethoden noch ein differenziertes Sekundarschulwesen haben die Anzahl der Heranwachsenden, die die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Berufsstart und eine spätere Karriere nicht erreichen, wirkungsvoll beschränken können. Die Tabelle des Drop out deutscher Schulen belegt eindrucksvoll, daß die unterschiedlichen Schulsysteme der Länder wenig Einfluß auf das Vorhandensein von "Frühabgängern" haben. Eine vierjährige Grundschulzeit (z.B. Rheinland-Pfalz) zeigt ebenso wenig Wirkung wie eine sechsjährige (z.B. Berlin). Das Vorhandensein einer Orientierungsstufe (Niedersachsen) verhindert ebenfalls keine Abschlußlosigkeit. Die Gestaltung des Sekundarbereiches bleibt ohne Erfolg. Abgänger ohne Abschluß gibt es in einem zweigliedrigen Schulsystem (z.B. Sachsen) ebenso wie in einem dreigliedrigen (z.B. Bayern) oder viergliedrigen (z.B. NRW). Mehr integrative Schulsysteme erzeugen nicht weniger Ausfälle als stark gegliederte, zeigt das Beispiel des Landes Brandenburg. Die Schwankungen um den Mittelwert von 8,6 Prozent Abgängern ohne Abschluß unterliegen offensichtlich mehr dem Zufall denn der systematischen Gestaltung des Schulwesens. Der jahrzehntelange Streit um die richtige Schulorganisation band innovative Kräfte an der falschen Front und vernachlässigte die Probleme der Kinder in den Schulbänken fahrlässig.



3. Den Sozialen Rahmen ändern


Reich belegt mit Fällen der Schulpraxis die Hilflosigkeit staatlicher Institutionen mit ihren herkömmlichen Werkzeugen aus gesetzlichen Regelungenund stellt das Schulpflichtgesetz seines Bundeslandes Nordrhein-Westfalen zur Disposition. Festzuhalten ist, daß die Schule als staatliche Einrichtung sich in einem Dilemma befindet: Einerseits soll sie unter Anwendungen der Bestimmungen des Schulpflichtgesetzes die Erziehungsberechtigten zwingen, für einen regelmäßigen Schulbesuch ihres Kindes zu sorgen, andererseits zeigen Praxisfälle, daß mit den vorgeschriebenen Verfahren Schulzwang und Bußgeld die persönlichen Lebenslagen der Kinder nicht zu verändern sind.


Je häufiger und länger die Ausfallzeiten sind, desto größer ist der Leistungsrückstand, der die Grundlage für Mißerfolg und Minderwertigkeitsgefühle bildet. Die Folgen sind mit zunehmendem Alter Schulunlust und Frustration bis hin zu einem negativen Selbstbild. Untersuchungen haben gezeigt, daß Frühabgänger in ihrem letzten Schulbesuchsjahr rd. 190 mal häufiger dem Unterricht ferngeblieben sind als Schüler mit Sekundarabschluß im zehnten Schuljahr. Nun muß nicht jedes Schulversäumnis zur Wiederholung einer Klasse führen. Hurrelmann hat gezeigt, daß bundesdeutsche Eltern wöchentlich rd. 30 Mio DM für zum Teil prophylaktische Nachhilfestunden ausgeben. Die Erziehungsberechtigten der Frühabgänger gehören offensichtlich nicht dazu. Hinzu kommen Wohnverhältnisse, die einen rhytmisierten Alltag mit festen Eß- und Schlafzeiten nicht zulassen. Erwachsene und Kinder leben auf engstem Raum zusammen. Die Kinder haben weder einen ungestörten Arbeitsplatz für ihre Hausaufgaben noch einen ruhigen Schlafplatz, während Mütter und Väter das Fernsehprogramm konsumieren. Daraus erwachsen Müdigkeit und Unwohlsein, die sich bis zu subjektiv empfundenen Krankheiten steigern können. Ärzte stellen häufig diffuse Krankheitsbilder fest, ohne eine organische Ursache ausmachen zu können. Häufige Arztwechsel in diesen Familien sind an der Tagesordnung, so daß es zu einer vernünftigen Therapie meist nicht kommt. Ferner werden Anweisungen der Mediziner hinsichtlich bestimmter Diäten oder Lebensrhytmen nicht beachtet und können daher nicht zur Gesundung beitragen.



4. Gesundheit und Ernährung fördern


Falsche Ernährung (Fastfood statt Küche) gefährdet die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen: Experten schätzen die Einsparungen im Gesundheitswesen durch nachhaltige Ernährungsumstellung und Prävention auf mehrere Milliarden DM. Meyers u.a. haben zwischen 1987 und 1889 in Lawrence, Mass., nachgewiesen, daß die regelmäßige Teilnahme von Kindern aus Familien mit niedrigem Einkommen an einem staatlichen Frühstücksprogramm an öffentlichen Schulen sich signifikant verbessernd auf die Abwesenheitsrate und die akademischen Fertigkeiten auswirkt. Die erzielten Verbesserungen in Sprache, Lesen und Mathematik sowie die tatsächliche Steigerung der täglichen Anwesenheit in der Schule und die Abnahme von Verspätungen lassen die Autoren zu dem Schluß kommen, daß durch regelmäßiges, gesundes Schulfrühstück in der Zensurenliste eben jene Leistungssteigerung erreicht werden kann, die den Unterschied zwischen Versetzung und Nichtversetzung bestimmt. In Großbritannien haben Benton und Roberts gezeigt, daß eine tägliche Vitamin-Mineral-Gabe an Schulkinder zu einer deutlichen Steigerung der nonverbalen Intelligenz führt.


Seit vielen Jahren ist bekannt, daß Mangelernährung (fehlende Proteine, Fette, Kohlehydrate, Salze, Vitamine und Spurenelemente) in den ersten Lebensjahren, in denen der sich rasch aufbauende Körper eine regelmäßige und ausreichende Ernährung braucht, die kognitive Entwicklung hemmen kann. Da dies weniger durch strukturelle Gehirnschädigungen, sondern auf subtile und komplexe Weise geschieht, lassen sich Entwicklungsdefizite unterpriviligierter Kinder teilweise ausgleichen. Sozialer Status der Familie und Erziehung können die schädlichen Folgen schlechter Ernährung mildern oder verschlimmern. Larry Brown und Ernesto Pollitt haben anhand des Guatemala-Projekts zwischen 1969 und 1989 den Nachweis geliefert, das regelmäßige Proteinzufuhr den Nutzen der Schulbildung verstärkt. Danach vermag gute Kindernahrung den Effekten ungünstiger sozialer Verhältnisse auf die intellektuelle Entwicklung in gewissem Maße entgegenzuwirken, während unzulängliche Ernährung in früher Kindheit den potentiellen Nutzen des Schulbesuchs untergräbt. Sie stellen daher fest: "Ernährungsprogramme und breit angelegte Begleitmaßnahmen müssen als eminent wichtige Zukunftsinvestition anerkannt werden."








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