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Handbuch Hauptschulbildungsgang

Erster Band: Grundlegung

hrsg. v. Dietmar J. Bronder, Heinz-Jürgen Ipfling, Karl G. Zenke

255 Seiten, flexibler Einband, € 18,50

Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn

1998, ISBN 3-7815-0947-8

 

 

Um es gleich vorweg zu sagen: Ein wichtiges Buch für die Hauptschule ist erschienen, der erste Band eines Handbuchs, das alle Themen der Diskussion in der und über die Hauptschule anspricht.

 

Dietmar J. Bronder, Hauptschulrektor und Vorsitzender des Arbeitskreises Hauptschule e.V., beschreibt in seiner Einführung die Eckpunkte der Hauptschulpädagogik, die zugleich die Kernpunkte dieses Handbuches sein sollen:

 

 

Ziel des Handbuches sei es, so Bronder, "ein Standardwerk für die Ausbildung von Sekundarstufenlehrern" zu schaffen. Auf wieviele Bände diese literarische Unternehmung angelegt ist, verschweigt der Autor allerdings.

 

Im ersten Kapitel werden Bestandsaufnahmen geboten: die differenzierten Erscheinungsformen des Hauptschulbildungsgangs im wiedervereinigten Deutschland. Eine solche Zusammenstellung des Ist-Zustandes liegt bisher nicht vor, deshalb soll dieses Kapitel etwas breiter referiert werden.

 

Karl G. Zenke, Professor für Schulpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, zeigt die organisatorische Vielfalt des Hauptschulbildungsganges auf (eigenständige weiterführende Schule oder verschiedene integrierte oder verbundene Schulformen): Sie sei "Ausdruck einer schwierigen Lage"; weder Realschule noch Gymnasium müssten sich als selbständige Schulart definieren. Diese Lage spiegele sich insbesondere auch in den vielfältigen Abschlüssen der Hauptschule wider: einfacher Abschluss nach Klasse 9, erweiterter Abschluss nach Klasse 9, eingeschränkter mittlerer Abschluss in Verbindung von Hauptschulabschluss und besonders erfolgreichem Lehrabschluss, vollwertiger mittlerer Abschluss nach Klasse 10. Zudem kann der Hauptschulabschluss auch an anderen Schularten erworben werden. Das Erscheinungsbild des Hauptschulbildungsganges bilanziert Zenke so:

 

  1. Die Hauptschule habe durch "Anlehnung und Anleihen bei Realschulen und Gymnasien" (S. 20) die ursprünglichen Ansätze einer spezifischen Profilierung verfehlt.
  2. Diese Entwicklung zeige sich besonders eindrucksvoll in der ausschlaggebenden Betonung von Schulleistungen in Deutsch, Mathematik und der Fremdsprache bei der Gewinnung höherwertiger Abschlüsse.
  3. "in allen wichtigen Randbedingungen müsste sich die Hauptschule mit den vergleichsweise schlechtesten Standards begnügen" /S. 21).
  4. Die Hauptschule ist die einzige Pflichtschule im Sekundarbereich I; sie4 allein trägt die sozialen, kulturellen, sprachlichen, motivationalen, materiellen Integrationslasten.
  5. Die differenzierte Schülerorientierung bei Zielen, Inhalten, Arbeitsformen, Abschlüssen, Berechtigungen, Schulkultur usw. müsse in der Hauptschule stärker als bisher beachtet werden; die auf studienorientierten Berechtigungen aufgebauten Sekundarschulen müssten sich stärker als bisher auch den Benachteiligten zuwenden.
  6. "Die gegenwärtige Lage des Hauptschulbildungsganges weist unzweifelhaft darauf hin, den Hauptschulbildungsgang zukünftig weitaus stärker als bisher in verbundenen und integrierten Schulen anzusiedeln" (S. 22).

 

Heinz-Jürgen Ipfling, Schulpädagoge an der Universität Regensburg, beschreibt die Vorgeschichte der Hauptschule: die ständische Struktur der Elementar- und Volksschulen, das spezifische volkstümliche Bildungsideal, die Umgestaltung der Volksschuloberstufe zur Hauptschule, den Streit Gesamtschule versus Dreigliedrigkeit, die Hauptschule als "Sorgenkind" ("Restschule" oder "moderne Sekundarschule"?). Abschließend formuliert er "ein problematisches Resümee": "Es ist fraglich, ob pädagogische 'Stärkungs'- oder Profilierungsversuche zu einer 'Rettung' der Hauptschule, d.h. zu einer größeren Akzeptanz durch Eltern und Schüler führen; zu sehr geben Prestige-Überlegungen und die Verleihung von Berechtigungen (noch?) den Ausschlag für die Wahl der Schullaufbahn" (S. 38).

 

Wolfgang Melzer und Dirk Adomat, beide sind Erziehungswissenschaftler an der Technischen Universität Dresden, zeigen die spezifischen ostdeutschen Schulstrukturen und die Verankerung des Hauptschulbildungsganges darin auf.

 

Ernst Rösner, am Institut für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund tätig, analysiert die in Diskussion stehenden Auswege aus der Hauptschulkrise: die Vernetzung der weiterhin selbständigen Bildungsgänge Hauptschule und Realschule (kleiner Verbund), die Vernetzung aller allgemein bildenden Sekundarstufen-Bildungsgänge (großer Verbund), die Integration der verschiedenen Bildungsgänge mit teilweise weiterbestehenden schulartspezifischen Lerngruppen/-klassen (Beispiel: Erweiterte Realschule im Saarland, integrierte Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen). Zwei seiner fünf Schlussfolgerungen: "Im Zeichen der absehbaren demographischen Entwicklung steht Bildungspolitik zunehmend vor der Aufgabe, die Schulversorgung in dünn besiedelten Regionen zu erhalten, möglichst zu verbessern und langfristig zu sichern. Wenn so etwas bezahlbar sein soll, führt an Kombinations- und Integrationslösungen kein Weg vorbei"- "Wer mit Durchlässigkeit des Bildungsweges nicht einen Textbaustein für Sonntagsreden meint, sondern einen ernsthaften Anspruch ausdrückt, der kann die Widerspenstigkeit der Schulorganisationsformen nicht ignorieren: Wenn in Zeiten sinkender Schülerzahlen die Versuchung nahe liegt, jeden Schüler als Bruchteil einer Lehrerplanstelle zu sehen, wenn (wie zur Zeit) jeder Schüler auch als Mitverursacher einer Überlast wahrzunehmen ist - dann gerät Durchlässigkeit in Gefahr, sich pädagogischen Maßstäben zu entziehen. Auch deshalb spricht viel für kleinere und größere Verbundlösungen, weil damit quantitativ stabilere Schulangebote entstehen können." (Beide Zitate S. 70)

 

Das zweite Kapitel befasst sich mit der Sozialisation und den Lebenslagen der Hauptschülerinnen und Hauptschüler. Die Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler in Ost- und Westdeutschland werden untersucht, die Frage, ob die Hauptschule eine Migrantenschule sei, wird erörtert, die Situation der Mädchen im Hauptschulbildungsgang wird beschrieben, Konzepte für weniger erfolgreiche Jugendliche werden vorgestellt.

 

Das dritte Kapitel setzt sich mit den Grundsätzen und Aufgaben der Hauptschulpädagogik auseinander: methodisch-didaktische Grundsätze für den Unterricht, Schülerorientierung als Prinzip der Hauptschulpädagogik, Hauptschule als Erziehungsschule, Unsicherheit und Angst der Hauptschülerinnen und -schüler bekämpfen und Selbstvertrauen stärken, prosoziales Verhalten (selbstloses Helfen) fördern, Alltagskompetenzen (z.B. Wohnungssuche und -pflege, Finanzen regeln usw.) entwickeln, Analphabetismus verhindern, zur Ausbildungsfähigkeit führen.

 

Das vierte Kapitel "Schulentwicklung" beschreibt erstens das Schulprogramm als Instrument der Profilbildung, zweitens den didaktisch-methodischen Ansatz "Lehren lernen" und drittens die sozialpädagogische Ausgestaltung der Hauptschule als Jugend- und Sozialraum.

 

Jeder der 21 Aufsätze in diesen vier Kapiteln endet mit einem spezifischen Literaturverzeichnis. Ein vierseitiges Gesamt-Literaturverzeichnis und ein Stichwortverzeichnis schließen den ersten Band dieses Handbuches ab.

 

Halten wir als Ergebnis dieses Überblicks über das im vorliegenden Handbuch Gebotene fest: Die Bandbreite der angesprochenen Themen ist groß: Hauptschulbildungsgänge - Sozialisation und Lebenslagen der Schülerinnen und Schüler - Hauptschulpädagogik - Schulentwicklung. Hinwendung zum Schüler, zum schülergemäßen Unterricht, zur Hauptschule als Institution, das ist der Kern des ersten Bandes. Vielleicht etwas zu wenig berücksichtigt sind dadurch die hauptschulspezifischen Lerninhalte und Lehrerrollen: künftig vor allem Lernmethodentrainer, Erzieher, Kommunikationstrainer, weil Lerntechniken, Kommunikationsstrategien und ganzheitliche Erziehung (also Lernplan, Lehrplan und Erziehungsplan im Verbund) im Hauptschulbildungsgang in den kommenden Jahren wohl deutlicher gefragt sein werden als heute. Mag sein, dass sich einer der Folgebände intensiver damit befasst.

 

Buchtitel ("Hauptschulbildungsgang") und Kapitel I verdeutlichen, dass Hauptschulbildung nicht nur in der eigenständigen Schulart "Hauptschule" vermittelt, sondern zunehmend auch in anderen Organisationsformen, insbesondere im Verbund mit anderen Schularten, angeboten wird. Mit dieser Sichtweise eröffnen die Autoren nicht nur eine neue Diskussion um Organisation und Pädagogik von Sekundarschulen, sondern sie schärfen auch den Blick für die "verbundenen" Hauptschulbildungsgänge und die spezifischen didaktisch-methodischen Anforderungen an diese, unausweichlich auf Grund der besonderen Lebenslagen ihrer Schülerinnen und Schüler. Diese zusammenfassende Betrachtung aller auf Hauptschulabschlüsse abzielenden Bildungsgänge verleiht der Hauptschulpädagogik neues Gewicht.

 

In der Darstellung der Schülerorientierung als Prinzip der Hauptschulpädagogik (S. 147 ff.) wird zu Recht darauf verwiesen, dass es problematisch sei, Schularten nach eher wissenschaftsorientierten (Realschule, Gymnasium) und eher schülerorientierten Typen (Hauptschulbildungsgang, Förderschulen) zu unterscheiden, denn "auch der Hauptschüler kann nicht vor der 'Anstrengung des Begriffs' (Kant) verschont werden" (S. 149). Natürlich können und dürfen Techniken der Beobachtung, des Problemlösens, der Begriffsbildung usw. dem Hauptschüler nicht erspart werden. )I(m Gegenteil: Gerade weil ihm diese Welt von Haus aus in der Regel verschlossen ist, muss sie ihm in der Schule aufgeschlossen werden. Aber weil der Hauptschüler Jahre des schulischen Misserfolgs schon hinter sich hat, weil er Lerndefizite (und gerade im sprachlichen und mathematischen Bereich) hat, weil er in aller Regel ohne große häusliche Unterstützung lernen muss, weil er vor anderen Schülern die Schule verlässt und sich auf dem Ausbildungsmarkt und auf dem Feld des lebenslangen Lernens zumeist früher als Realschüler und Gymnasiasten behaupten muss, weil er übliche Kommunikations- und Verhaltensnormen oft nicht von zuhause mitbringt, kann, ja muss die Hauptschulpädagogik sich zuerst am Schüler orientieren. Lernstandsdiagnose ist aus diesem Blickwinkel die erste Pflicht eines Hauptschullehrers. Daraus ergibt sich - sozusagen automatisch - eine zweite Forderung an den Lehrer, einerseits sich der Schüler intensiv annehmen (Klassenlehrerprinzip) und andererseits die aus der Lernstandsdiagnose ermittelten spezifischen Lerndefizite, Interessen und Neigungen in adäquaten Lerngruppen aufgreifen (klassenübergreifende Lerngruppen).

 

Welche modernen Lerninhalte, Lehr- und Lernformen für den Hauptschulbildungsgang bereitzustellen sind und mit welchen bewährten und neuformierten organisatorischen Lösungen die Lernarrangements im Unterricht und in der ganzen Schulkultur schülergerechter gestaltet werden können, das wird eine Aufgabe für den oder die Folgebände dieses Handbuches sein. Denn aus den praktischen Lösungen im Schulalltag erwächst letztlich die Akzeptanz des Hauptschulbildungsganges.

 

Die "Grundlegung" im ersten Band ist solide, handwerklich sauber gearbeitet, umfassend und anregend. Zudem ist das Buch leicht zu lesen, weil es in überschaubaren Sätzen geschrieben ist und die Fremdwörter und Fachtermini auf das unverzichtbare Maß reduziert.

 

Der erste Band "Grundlegung" des neuen "Handbuches Hauptschulbildungsgang" hat deshalb sein Ziel voll erreicht: ein Standardwerk! Also ist es eigentlich überflüssig zu sagen, dass jeder Sekundarstufenlehrer, gleichgültig ob noch in Ausbildung oder schon im Beruf, auf dieses Buch nicht verzichten kann.

 

Gerd Friedrich